Auf Du und Du mit Public Health

Jedes Jahr fahre ich ein Mal nach Bremen, um an der Universität einen Vortrag zum Thema Gewichtsdiskriminierung im Fachbereich Public Health zu halten. Es ist eine Reise, die ich mit sehr gemischten Gefühlen antrete.

dr-friedrich-schorbAuf der einen Seite freue ich mich auf ein Wiedersehen mit Dr. Friedrich Schorb, dem Dozenten des Seminars, auf der anderen Seite betrete ich bewusst einen Raum, indem sich der Blick mit hoher Wahrscheinlichkeit als erstes kritisch auf meinen dicken Bauch richten wird – aber hey, dafür gibt’s ja auf dem Sack extra einen Pfeil nach oben : )

Wenn ich dem Bierdeckeln trauen darf, konnte ich die Studentinnen und Studenten überzeugen.

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Heute in der Sendung: Gewichtsdiskriminierung

deutschlandfunk-lebenszeit„Ausgegrenzt und Abgewertet“, in diesem Titel steckt bereits viel Kritik daran, wie in unserer Gesellschaft mit dicken Menschen umgegangen wird. Die Sendung Lebenszeit des Deutschlandfunks versprach ein Heimspiel zu werden. Mein Auftritt im Sack war damit eher eine visuelle Forderung an die Moderation, dicke Menschen nicht nur als Opfer von Diskriminierung zu thematisieren sondern auch ihren Widerstand und ihren Beitrag zum politischen Diskurs wahrzunehmen. Soweit die Einschätzung der Lage und der Plan. Bereits nach zwei Minuten Sendezeit war klar, dass beides nicht zu kurz kommen würde, denn Gewichtsdiskriminierung war in gleichem Maße Thema wie Teil der Sendung.

Widerstandskämpferin für 70 min – Es ist schon spannend, was alles zum Job einer Vorsitzenden der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung gehört. Unbedingt reinhören!

 

Ein Sack für alle Jahreszeiten

handel-reagiert-nichtWährend unser Sack im Sommer deutlich Fragen aufwarf, wirkt er im Winter fast schon festlich – glücklicher Weise tut das seiner Anziehungskraft für Gespräche keinen Abbruch. Dies Mal bin ich auf dem Winterfest vom Stadtschloss Moabit unterwegs, ein Nachbarschaftshaus, das der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V. seit Mai 2015 freitags einen Raum für die Beratung zur Verfügung stellt. Es gibt ein reichhaltiges Bühnenprogramm von Saz-Musik über Capoeira Angola bis zu Stepp-Tanz, indem die Kinder aus der Nachbarschaft die Hauptrolle spielen. Ein unwiderstehlicher Mix aus Lebensfreude und Vielfalt, der alle in seinen Bann zieht, so dass ich schon bald vom Bistrotisch für die Vorstellung unseres Beratungsangebots ins Publikum wechsele. Am Ende des Abends mündet ein Gespräch schließlich doch noch in einen Bierdeckel, dem ich mich nur anschließen kann:

„Die Gesellschaft wird älter, doch der Handel (Mode) reagiert nicht darauf. Menschen jeden Alters, jeder Körperform und mit Behinderung dürfen nicht diskriminiert werden!“

Deine Stimme hat Gewicht: Fakt!

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Was 2015 noch Wunschdenken war, ist Fakt: Dafür, dass in der Befragung „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland“ Gewichtsdiskriminierung nur unter „Anders, und zwar…“ angegeben werden konnte, sind extrem viele Fälle zusammengekommen – so viel darf verraten werden, da sich ein Hinweis darauf ja bereits im Zwischenbericht findet. Dicke Menschen hatten eine Stimme und sie haben sie in die Waagschale geworfen. Wer hätte gedacht, dass eine Waage mal ’nen guten Zweck erfüllen würde!?

„You made my day!“ so das Fazit eines Teilnehmers des Workshops zur Diskussion der Studienergebnisse und Empfehlungen in der Mittagspause. Na huch, ja wie denn? Mein Personengedächtnis ist schlecht, aber ausnahmsweise weiß ich, dass wir nicht in der gleichen Diskussionsgruppe saßen. Die Antwort ist bestechend einfach: Er kannte bisher keinen Verein, der sich für die Rechte dicker Menschen einsetzt. Für einen Moment fühle ich mich wie ein auf der Lichtung erspähtes Einhorn und muss grinsen.

Mitmischen: mit Mission im Bundesministerium

ads-workshop-01Es war ein Mal … und das ist ziemlich genau ein Jahr her, da hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) dazu aufgerufen, in einer groß angelegten Bevölkerungsbefragung von den eigenen Diskriminierungserfahrungen zu berichten. Mit der Aktion Deine Stimme hat Gewicht hat die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung gern dazu beigetragen, dem Ergebnis eine gewisse Gewichtsvielfalt beizumengen : )

Die Zahl der Fälle war wohl derart hoch, dass am Thema Gewichtsdiskriminierung kein Weg mehr vorbei führt, denn heute sitze ich als geladene (!) Teilnehmerin stellvertretend für die GgG e.V. im Workshop zur Diskussion der Studienergebnisse und Empfehlungen, der im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend abgehalten wird. Wenn nicht hier, wo dann im Sack erscheinen, oder?

Bauch voran ran an die Grünen

es-ist-genug-fuer-alle-daAm zweiten Tag des Kongresses wird es spannend, da Workshops angeboten werden, doch erstmal wird es vor allem heiter: Der frisch gewählte Minister für Soziales und Integration von Baden Würtenberg, Manne Lucha, hat das Gendern der Grünen so verinnerlicht, dass er sich versehentlich als Ministerin vorstellt. Dafür gibt ’s mindestens ein Gender-Sympathie-Sternchen.

Im Workshop „Geschlechtergerechtigkeit – Für echte Teilhabe und Selbstbestimmung von Frauen“ sitze ich Claudia Roth direkt gegenüber und es ergibt sich früh ein Anknüpfungspunkt für das Thema Gewichtsdiskriminierung in der Diskussion. Meine Hand schnellt hoch zur Meldung. Leider ergibt es sich auch, dass die Zeit des Workshops zu kurz bemessen ist, weshalb mehrere Meldungen nicht berücksichtigt werden. Hmmmm, ob ich das jetzt so gerecht finde?

Der Workshop „Wege in eine inklusive Gesellschaft – eine Standortbestimmung“ hingegen übertrifft alle meine Erwartungen. Was hier unter dem Begriff inklusiv zusammengefasst wird, ist nicht weniger als ein Diskriminierungsschutz für alle, denen die gleichberechtige Teilhabe in unserer Gesellschaft verwährt oder erschwert wird. Das würde bedeuten, dass sich keine Gruppe mehr die explizite Nennung im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz erstreiten müsste. Bye, bye Gewichtsdiskriminierung. Mit der Leiterin des Workshops tausche ich im Anschluss Worte der Begeisterung und die Vistenkarte aus.

Der letzte Tag des Grünen Gerechtigkeitskongresses endet schließlich mit zwei Komplimenten. Eines bekomme ich für meine Waden, und muss innerlich etwas lachen, weil mir das ohne Sack noch nie passiert ist, das andere mache ich selbst. Es geht an einen jungen Mann für sein Glücksbärchie-T-Shirt. Eine schönere und humorvollere Verpackung kann ich mir für einen dicken Bauch kaum vorstellen.

Zucker ist grün, Zucker für alle

erneuerbare-energieDem grünen Gerechtigkeitskongress habe ich aufgrund des Buches von Renate Künast „Die Dickmacher: Warum die Deutschen immer dicker werden und was wir dagegen tun müssen“ mit etwas gemischten Gefühlen entgegen gesehen. Gibt es Gerechtigkeit womöglich nur für willig Gewichtsreduzierende? Da mich bereits am Eingang 3kg Zucker in Form von Dextrosetäfelchen begrüßen, nehme ich entspannt meine Arbeit auf.

„Es ist genug für alle da“ ist das Motto des diesjährigen Kongresses. Da das leider nicht für die Stühle gilt, stelle ich mich keck mit an die äußeren Bistrotische für die Presse. „Entschuldigung, sind Sie nachher noch auf der Bühne?“ „Leider nicht, sie haben keine weiteren Teilnehmerinnen für den Poetry-Slam zugelassen.“ Glücklicher Weise hat das den guten Mann nicht davon abgehalten, ein paar Bilder von mir zu schießen. Nach etwa 1,5 Stunden werbewirksamen Stehens wird die Holztreppe hinter mir immer attraktiver. Ich setze mich hin und stelle fest, dass der Sack auch an dieser Stelle seinen Job macht, denn in regelmäßigen Abständen werde ich von hinten angetippt, weil jemand aus der Führungsriege der Grünen zur Bühne durch will.

Der erste Tage der Konferenz klingt mit einem gemeinsamen Grillen aus. Nach einem längeren Gespräch zum Thema Gewichtsdiskriminierung fragt mich mein grünes Gegenüber schließlich, ob ich eigentlich selbst eine Grüne wäre. Ich hab‘ dann mal ganz diplomatisch „Ich bin eine grün orientierte Wählern mit politischem Anliegen“ geantwortet ; )

Kino zum Denken an der Universität Augsburg

voll-verzuckert„Die Dosis macht das Gift“, fasste es Paracelsus einst zusammen und hat damit bis heute Recht behalten, doch in Bezug auf unsere Ernährung ist dieses entspannte Fazit eher die Ausnahme.

Der Film „Voll verzuckert“ präsentiert uns eine Reihe von Fällen, in denen diese Dosis deutlich überschritten wurde. Das schließt den Protagonisten mit ein, dessen bisherige Ernährung als LowCarb beschrieben werden kann. Er steigt im Selbstversuch auf eine Zuckerdosis um, die dem australischen Durchschnitt entspricht.

Wir sehen, wie sich seine Laborwerte verschlechtern, erleben die Zahnbehandlung eines jungen Manns mit, dessen Zähne aufgrund exzessiven Mountain Dew Konsums verfault sind. Vieles ist so überzeichnet, dass wir lachen, dennoch arbeitet der Film im Grunde mit einer Form von Angst, die uns aus dem Bereich der Gesundheitsvorsorge nicht unbekannt ist. Wie werden die 160 Studentinnen*Studenten reagieren?

Als Ansprechpartnerinnen für die anschließende Diskussion stehen ihnen Frau Meraner, Ernährungsberaterin, und ich zur Verfügung. Der Film und aktuelle Ernährungstrends im Allgemeinen werden erfreulich stark hinterfragt, doch eins fällt in der Diskussion klar auf: Je kritischer die*der Fragesteller*in Zucker betrachtet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausschließlich Frau Meraner als kompetente Ansprechpartnerin wahrgenommen wird. Mein dicker Körper wird als Beleg für mangelndes Wissen in Bezug auf Ernährung gelesen.

Der AStA ist es zu verdanken, dass dieses Vorurteil aufgelöst werden kann, denn mit Frau Meraner wurde eine Ernährungsberaterin eingeladen, die der moralischen Betrachtung von Lebensmitteln ebenfalls kritisch gegenübersteht. So gibt unsere große Schnittmenge am Ende auch in Bezug auf dieses Vorurteil einen klaren Denkanstoß.

Gewichtsdiskriminierung? Na so ein Quatsch

nachbarschaftsfestHeute stehe ich im Sack auf dem Moabiter Gehsteigfest. Das Interesse ist groß: Bierdeckel für Bierdeckel wandert auf meinen Rücken. Um meinen Wirkradius noch etwas zu erweitern, beschließe ich nach einer Weile, ein Mal über die Feststrecke zu bummeln.

An einem Trödelstand spricht mich eine Frau in den besten Jahre an, weil sie meine Sack-Aktion zwar optisch sehr ansprechend findet, aber nicht versteht. Als ich die Gründe weiter ausführe, winkt sie ab, man könne ja nun nicht alles zur Diskriminierung erklären, trotzdem beendet sie den Dialog nicht – ganz im Gegenteil.

Es entspinnt sich eine intensive Diskussion, die ihrerseits als unterhaltsames Gespräch erlebt wird, während ich innerlich immer wieder mein Argumentearsenal ablaufe und mich frage, warum keins so richtig zünden will. Schließlich fällt ein Satz, der auf einen Schlag klar macht, warum ich diese Frau nicht erreichen werde: „Ja aber warum gehst Du denn nicht nach Afrika, dort bist Du doch das Schönheitsideal?“ Diskriminierung mit einer merkbefreiten Seelenruhe vorgetragen, als säßen wir um die Ecke in einem Café und sie würde mir die Kaffeesahne reichen. „Ich biete lieber der Diskriminierung in Deutschland die Stirn.“ war mit Sicherheit die richtige Antwort, aber der enthaltene Seitenhieb dürfte ihr entgangen sein.

Wir sind drin !

2016-05-24_GgG_Gespraech_mit_der_ADSAm 24sten im Sack in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zu sein, hat schon viel von Weihnachten im Mai: das Geschenk der unendlichen Möglichkeiten sozusagen. Meine Kollegin, Stephanie von Liebenstein, ist heute mit dabei, da der Sack doch etwas subversives Flair hat – zu Recht, immerhin ist da drin so viel Platz, dass ich glatt ’ne Schaumkuss-Wurfmaschine noch einschleusen könnte.

Damit man uns nicht fluchtbereit gegenüber sitzt, stelle ich nach einem kurzen Intro klar, dass die Standbeine unseres Vereins Information und Aufklärung in Kooperation mit unserem wissenschaftlichen Beirat sind. Beim „Sackhüpfen“ geht es uns mehr darum, auf das Problem öffentlichkeitswirksam aufmerksam zu machen und die Menschen auch emotional zu erreichen. Die Gesichter entspannen sich. Na dann: „Lasst die Gespräche beginnen…“